Deep Brain Stimulation

 

 

 

Künstlerische Leitung:

Andreas Liebmann

 

Performance:

Isabella Kammerer, Stephanie Ringwald, Ben Reich, Charlotte Schäfer, Isabella Waizinger, Luisa Wirth

 

Dramaturgie:

Viola Hasselberg

 

Ethische Expertise:

Joachim Boldt

 

Medizinische Expertise:

Prof. Dr. Nikkah, Dr. Pinsker

 

Theater fürs Hirn!

 

Entstanden im Rahmen des theatral-wissenschaftlichen Jugendkongresses "PIMP YOUR BRAIN" am Theater Freiburg

im April 2009

 

Wiederaufnahme anlässlich der Science Days im Oktober 2009 im Europapark Rust

 

Sprachlosigkeit auf Knopfduck

Ist eine Elektrode im Hirn qualitativ dasselbe wie ein künstliches Hüftgelenk? Wie fühlt es sich an, mit implantierten Elektroden im Hirn zu leben, die die eigene Motorik, aber auch die Emotionalität beeinflussen? Wie wäre es, sich auf Knopfdruck in jede gewünschte Stimmung zu versetzen? Wer ist es, der dann fühlt: Die Maschine, oder ich?

 

Die Gruppe um "Deep Brain Stimulation" beschäftigte sich mehrere Monate mit Tiefenhirnstimulation, einem Verfahren, mit dem schwerer Parkinson, aber auch zunehmend ansonsten unheilbare Depression, Zwangsstörungen und andere Krankheiten mit Ursprung im Gehirn behandelt werden.  Wir führten Interviews mit Ärzten der international renommierten neurochirurgischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg, mit Patienten vor und nach der Operation, mit Hirnspezialisten, und waren an einer Operation zugegen. Hier werden Elektroden ins Hirn implantiert und stimulieren einzelne Areale. So werden Bewegungsstörungen bei Parkinsonkranken  verbessert. In Tierversuchen wurde die Technik in den 60ern und 70ern aber auch angewandt, um soziales Verhalten, Emotionen und Bewegungen bei Tieren und teilweise bei Menschen zu manipulieren - mit zwiespältigen, aber dennoch eindrücklichen Ergebnissen. (Nach zunehmender Kritik wurde diese Forschung eingestellt).  Emotion auf Knopfdruck?  Gedächtnissteigerung per Batterie? Als "positive" Nebenwirkung bei stimulierten Parkinsonpatienten tritt vereinzelt ein verbessertes Gedächtnis auf. Könnte das den Weg weisen in eine neue Technik zur Verbesserung des Menschen?

 

Alle Ärzte, mit denen wir sprachen, lehnen einen Einsatz zur Optimierung ab. Wo aber liegt die Grenze zwischen Leidensverminderung und Verbesserung "naturgegebener" Eigenschaften? Wir fanden einen Bericht eines Forschers an der Oxford Universität, in dem einer Frau Tiefenhirnstimulation eingesetzt wurde, um ihre sexuellen Probleme zu beheben. Die Frau liess das Gerät aber wieder entfernen. Warum? Ihre darauf folgende hohe sexuelle Aktivität belästigte sie.

Dennoch ist  es aus unserere Sicht durchaus vorstellbar, dass Tiefenhirnstimulation in Zukunft gezielt zur Optimierung eingesetzt wird. "Was machbar ist, wird gemacht", lautet ein Satz, der uns in unserer Recherche mehrfach begegnete.  Gibt es eine Grenze, an der wir unsere Schwächen, unsere Sterblichkeit, unseren Schmerz akzeptieren sollten, zugunsten einer Bewahrung des "menschlichen",  oder könnte der Versuch Sinn machen, zur Herstellung einer grösseren Chancengleichheit  Lernbehinderungen per Tiefenhirnstimulation zu verbessern, und Kampfpiloten mit Technik auszustatten, die ihre Konzentration schärft? Hat das romantische Ideal des Menschen als Mängelwesen ausgedient? Warum sollte man das Hirn nicht maschinell verbessern wollen, wenn wir doch auch Herzschrittmacher benutzen?

 

In unserer Werkstattperformance verwenden wir bearbeitetes Interviewmaterial von Tiefenhirnstimulierten, Apologeten und Skeptikern. Wir beschreiben Nebenwirkungen, simulieren Glück auf Knopfdruck. Was würden 17jährige Schüler mit Tiefenhirnstimulation an sich verbessern?

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